Telemedizinkonzepte für Kommunen gegen Ärztemangel – Bilanz nach 3 Jahren
Ärztemangel auf dem Land – ein Problem dem viele Gemeinden und Kommunen, besonders in den Flächenländern Deutschlands, gegenüberstehen oder mit dem sie in naher Zukunft konfrontiert werden. In den niedersächsischen Gemeinden Drochtersen und Nordkehdingen konnten wir gemeinsam mit den „Pflegepionieren" verschiedene Ansätze testen, um dem Ärztemangel zu begegnen. Nach drei Jahren Laufzeit des Projektes „PuG – Pflege und Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum stärken" ziehen wir ein Fazit, welche Lösungen Zukunft haben und sich damit auch für die Übertragung in andere Gemeinden eignen.
Drei Anwendungsszenarien mit Pflege, Fachärzten und Hausärzten erprobt
Aufgrund der bestehenden Herausforderungen vor Ort wurden drei verschiedene telemedizinische Konzepte erprobt. In einem Telemedizin-Raum konnten Patienten, die aktuell keinen Hausarzt haben, einen Termin vereinbaren und wurden dort von einer ausgebildeten Fachkraft untersucht. Mithilfe eines Telemedizinrucksacks und verschiedenen Messgeräten sowie unserer selbst entwickelten MIA-App erfassten die beiden Krankenschwestern Anke Berthel und Ilse Mahle die Vitaldaten der anwesenden Patienten. Dazu zählen Atemgeräusche mit dem Stethoskop, EKG, Blutdruck, Blutzucker und weitere Parameter. Über das Tablet konnten die Werte an die Hausarztpraxis von Rainer Feutlinkse übermittelt werden, der eine Einschätzung vornahm und sich bei Bedarf per Video zum Gespräch dazuschaltete. Für weniger mobile Patienten wurde dieses Vorgehen auf Hausbesuche übertragen.
Der zweite Ansatz konzentrierte sich auf eine telemedizinische Vernetzung zwischen Pflegeeinrichtung und Hausarzt zum Einholen einer Expertenmeinung. Auch hier waren die Pflegefachpersonen über das MIA-Tablet mit Hausarzt Rainer Feutlinske im Kontakt. Somit konnte er beispielsweise mit dem Stethoskop aufgenommene Atemgeräusche von hustenden Bewohnern digital empfangen und beurteilen. Seine Einschätzung bezüglich Medikation und Weiterbehandlung teilte er per Video mit den Pflegefachpersonen.
Die Facharztversorgung wurde mit dem dritten Ansatz stärker ins Auge gefasst. Auch in diesem Fall waren die Hausarztpraxis und das MIA-System Dreh- und Angelpunkt der Umsetzung. In einem Telekonsil mit einem 20 Kilometer entfernten Kardiologen wurden EKG, Herz- und Lungentöne der Patienten aus der Hausarztpraxis übermittelt und vom Kardiologen begutachtet. Zur gemeinsamen Ergebnisbesprechung wurde der Facharzt per Video zugeschaltet.
„Gamechanger" für Hausärzte trotz anfänglicher Skepsis
Rainer Feutlinske bezeichnet die telemedizinische Vernetzung als „echten Gamechanger", gerade für das Flächenland Niedersachsen und seine Hausarztpraxis. Seitens seiner Patienten berichtet er von anfänglicher Skepsis der Telemedizin gegenüber, die sich allerdings durch die positiven Erfahrungen zu großer Begeisterung entwickelte. Ein ähnliches Bild zeichnete sich in der Pflegeeinrichtung ab. Auch die Erfahrungen im Telemedizin-Raum seitens der Patienten und der beiden Fachkräfte sind positiv. Die Bedienung der telemedizinischen Systeme gestaltet sich als einfach und die Patienten verspüren Erleichterung nach ihrem Besuch und einer ersten Abklärung. Dies bestätigte auch eine Schulklasse von Pflege-Auszubildenden, die im Rahmen eines Schulungstages im Telemedizinraum ein positives Fazit zog.
Facharztsprechstunden laufen weiter, Telemedizinraum soll mobil werden
Nach 3 Jahren Laufzeit, die nun zu Ende geht, wünschen sich alle Beteiligten, dass Projektteile weiterentwickelt werden. Rainer Feutlinske wird die telemedizinischen Facharztsprechstunden mit dem Kardiologen für seine Patienten weiter anbieten.
Für den Telemedizinraum soll mit einem „Avamobil" eine mobile Ergänzung geschaffen werden. Als rollende telemedizinische Praxis kann das Konzept des Telemedizinraums somit auf viele Gemeinden und Kommunen übertragen werden. Die dortigen Dorfgemeinschaftshäuser könnten zur zentralen Anlaufstelle und zum Wartezimmer für Patienten werden, während in der mobilen Praxis Untersuchungen stattfinden.
Machbarkeit für jede Gemeinde und Kommune gegeben
Auch unser persönliches Fazit nach 3 Jahren fällt persönlich aus und wir nehmen einige zentrale Erfahrungen mit:
- Es benötigt gute Einarbeitung in die Systeme mit motivierten Fachkräften
- Ablaufschemata sind wichtig für eine gemeinsame Evaluation durch alle Akteure
- Der Ansatz ist einfach auf verschiedene Anwendungsszenarien übertragbar ohne Systemwechsel, Weiterentwicklungen oder Anpassungen in der Technik
- Die Projektphase ist hilfreich für erste Pilotierungen. Es ist genauso möglich direkt über die Abrechnungsmöglichkeiten in einigen Bundesländern (z.B. HZV) zu starten
Die drei Jahre Projektlaufzeit in Niedersachsen haben uns erneut gezeigt, wie Telemedizin Versorgungslücken, gerade auf dem Land, schließen und damit dem Ärztemangel begegnen kann. Wir sind dankbar für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit allen Akteuren und freuen uns die Entwicklungen weiter vor Ort weiter zu begleiten.
Für Gemeinden oder Praxen, die selbst ähnliche Strukturen aufbauen möchten, stehen wir gerne mit unserem Know-How und unseren Systemen zur Verfügung. Wir freuen uns immer wieder, die Telemedizin deutschlandweit noch weiter auszubauen.