Dermatologie – Einblick in das klinikübergreifende telemedizinische Netzwerk „Derma-Online“ in Hessen und Bayern
In Deutschland gibt es 115 Hautkliniken, die jährlich mehr als 21 Millionen Patienten versorgen. Der Großteil dieser Kliniken (78 %) befindet sich in städtischen Gebieten (vgl. Girbig et al., 2021). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass spezialisiertes Fachwissen nicht jederzeit und nicht an jedem Ort verfügbar ist. Genau hier setzt das Projekt Derma-Online an. Ziel des Projekts ist es, Gesundheitseinrichtungen einen unkomplizierten Zugang zu dermatologischer Expertise zu ermöglichen.
In vielen Krankenhäusern ohne eigene dermatologische Fachabteilung treten im klinischen Alltag regelmäßig Hautveränderungen auf, die eine fachärztliche Einschätzung erfordern. Diese können im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen stehen, als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten oder auf Infektionen hinweisen. Ohne eine zügige dermatologische Unterstützung kann es zu Verzögerungen in der Diagnostik kommen oder Patienten müssen zur weiteren Abklärung in andere Einrichtungen verlegt werden. Der Einsatz der Telemedizin in Form eines Telekonsils bietet hierfür die Möglichkeit, dermatologische Expertise räumlich-entfernt verfügbar zu machen.
Expertise aus Marburg für vier Kliniken in Hessen und Bayern
Das Projekt Derma-Online hat das Ziel, dermatologische Konsile für Gesundheitseinrichtungen telemedizinisch bereitzustellen, um so Kapazitäten von Dermatologen einfacher zugänglich zu machen. Die Klinik für Dermatologie und Allergologie des Universitätsklinikums Gießen und Marburg agiert hierbei als Konsilklinik und stellt ihre medizinische Expertise bereit. Angebunden an das Netzwerk sind vier weitere Kliniken in Hessen (Asklepios Klinikum Schwalmstadt, Asklepios Klinik Bad Salzhausen, Kreiskrankenhaus Frankenberg) sowie der bayerische RHÖN-KLINIKUM Campus Bad Neustadt mit 10 beteiligten Abteilungen. Alle Einrichtungen verfügen nicht über eine eigene Hautklinik und nehmen somit die externe Expertise aus Marburg in Anspruch.
Für die technische Umsetzung sind wir mit unserer Telekonsilplattform Consi zuständig. Darüber können Konsilanfragen zwischen Einrichtungen sicher übermittelt, bearbeitet und dokumentiert werden.
Dermatologische Einschätzung nach spätestens 72 Stunden
In der praktischen Umsetzung erstellen Ärzte und Pflegefachkräfte aus den teilnehmenden Einrichtungen über die webbasierte Plattform eine Konsilanfrage. Sie erfassen hierfür die für den Fall relevanten Informationen, beispielsweise Angaben zur Krankengeschichte oder zu bereits eingeleiteten Maßnahmen. Ein zentraler Bestandteil der teledermatologischen Beurteilung sind Fotos der betroffenen Hautstellen, die sie mit der Konsilanfrage an den Konsildienst versenden können. Diese können direkt mit dem Tablet oder einem Smartphone aufgenommen und unmittelbar in die Plattform hochgeladen werden.
Nach Eingang der Anfrage wird diese vom dermatologischen Expertenteam in Marburg innerhalb von 72 Stunden geprüft. Auf Basis der übermittelten Informationen erhalten die anfragenden Ärzte eine fachärztliche Einschätzung sowie gegebenenfalls Empfehlungen zur weiteren Diagnostik oder Therapie. Falls zusätzliche Informationen benötigt werden, können Rückfragen direkt per Chat über die Plattform gestellt werden. Zusätzlich besteht auch die Möglichkeit, ein Videokonsil durchzuführen, etwa wenn eine direkte Rücksprache sinnvoll erscheint oder bestimmte Befunde genauer erläutert werden sollen.
Der Einstieg in das telemedizinische Netzwerk ist bewusst niedrigschwellig gestaltet. Nach Abschluss einer Kooperationsvereinbarung erhalten Einrichtungen Zugang zur Plattform und können ohne aufwendige Installation mit der Nutzung beginnen. Zusätzlich Hardware oder medizinische Geräte, wie beispielsweise ein Dermatoskop, sind nicht notwendig. Ergänzende Schulungsmaterialien und kurze Einführungen erleichtern den Start und unterstützen die Integration in den klinischen Alltag. Im Rahmen der Kooperationsvereinbarung ist auch die Vergütung geregelt, die im Netzwerk aktuell auf 75 € pro Konsil festgelegt ist.
Praxiserfahrungen zeigen überwiegenden Austausch per Schriftkonsil und steigende Inanspruchnahme
Ein Blick auf die bisherigen Erfahrungen zeigt, dass sich das telemedizinische Netzwerk gut etabliert hat. Im Rahmen des Vorhabens wurden seit dem Jahr 2022 über 130 dermatologische Telekonsile durchgeführt. Im vergangenen Jahr fand nahezu ein Konsil pro Woche statt. Die häufigsten Anfragen umfassen:
- Hautveränderungen
- Hautausschlag/Hautexantheme/Hautekzeme
- Schuppen/Exanthem
- Entzündungen/Wunden
Die beteiligten Einrichtungen berichten von einer hohen Akzeptanz der digitalen Zusammenarbeit und einem klaren Mehrwert im klinischen Alltag.
Eine wichtige Erkenntnis aus den bisherigen Konsilen ist, dass in den meisten Fällen ein schriftliches asynchrones Konsil völlig ausreicht und zu einem sehr guten Ergebnis führt. Somit ist in nur wenigen Fällen ein Videogespräch notwendig. Die Kombination aus strukturierter Fallbeschreibung und qualitativ hochwertigen Fotos reicht häufig aus, um eine fundierte dermatologische Einschätzung abzugeben. Die Dermatologie gehört zu den medizinischen Fachgebieten, in denen visuelle Befunde eine besonders große Rolle spielen und genau das macht telemedizinische Konsile und Netzwerke in diesem Bereich besonders praktikabel. Der asynchrone Austausch ermöglicht es, Konsilanfragen flexibel zu stellen und zeitnah zu beantworten, ohne dass beide Seiten gleichzeitig verfügbar sein müssen. Dass das Videokonsil selten bis gar nicht benötigt wird, vereinfacht die Prozesse für Konsilgebende und Konsilanfragende, da somit Terminabstimmungen, die Sicherstellung einer ausreichenden Bandbreite durch WLAN auf der Station, sowie die Dokumentation des Gesprächs entfallen.
Aktuelle Fördermöglichkeiten über KHTFV sprechen für Erweiterung des Netzwerks
Aufgrund der positiven Erfahrungen im Netzwerk ist ein Ausbau auf weitere Standorte vorgesehen. Die aktuellen Fördermöglichkeiten rund um die Krankenhaustransformationsfonds-Verordnung (KHTFV) könnten dies begünstigen. Nach Fördertatbestand 3 sind Vorhaben zur Bildung telemedizinischer Netzwerkstrukturen zwischen Krankenhäusern förderfähig. Konkret bedeutet dies, dass Kosten für die Beschaffung, Errichtung, Erweiterung oder Entwicklung von Systemen über den Fond bedient werden können.
Wir sind somit zuversichtlich, dass das Derma-Online Netzwerk in nächste Zeit wachsen wird und dazu beiträgt fachärztliche Ressourcen besser zu nutzen und letztendlich die medizinische Versorgung zu stärken. Die Webseite derma-online.de hält weitere Informationen für interessierte Einrichtungen bereit. Werfen Sie auch gerne einen Blick in unsere Publikation gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Hertl, Klinikdirektor der Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum Marburg, um mehr über die Anfänge von Derma-Online zu erfahren.