Was braucht es, um Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) nach Australien zu bringen?
16221 Kilometer – so weit liegen die bayerische Universitätsstadt Bayreuth und das australische Melbourne auseinander. Doch beide eint ein Gedanke: Wie kann man digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs, auch „Apps auf Rezept") nach Australien bringen? Wir durften uns im Rahmen eines Workshops an der Universität Bayreuth am deutsch-australischen Austausch mit der Deakin University beteiligen und unser Know-how rund um DiGAs einbringen.
Status Quo in Deutschland – über 50 DiGAs, mehr als 1,6 Millionen Verschreibungen
In einem Kurzvortrag stellte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einige aktuelle Zahlen rund um DiGAs sowie das Antragsverfahren vor. 59 DiGAs sind aktuell im Verzeichnis des BfArM gelistet, 50 davon dauerhaft aufgenommen. Diese Anzahl geht aus etwa 250 Anträgen hervor, die von Herstellern an das BfArM gestellt wurden und anschließend das sogenannte „Fast-Track-Verfahren" über einen Zeitraum von 3 Monaten durchlaufen.
Alle Einreichungen und Apps müssen die Anforderungen an Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Datenschutz, Datensicherheit und Qualität insbesondere Interoperabilität erfüllen. Ein weiterer Punkt sind die positiven Versorgungseffekte, die anhand einer Studie durch die Hersteller nachgewiesen werden müssen. Positive Versorgungseffekte zeigen sich durch einen medizinischen Nutzen, wie beispielsweise die Verbesserung des Gesundheitszustandes der App-Nutzer oder die Verkürzung ihrer Krankheitsdauer. Auch sogenannte „Patientenrelevante Struktur- und Verfahrensverbesserungen (pSVV)" in Form einer Erleichterung des Zugangs zur Versorgung, oder einer Verbesserung der Koordination der Behandlungsabläufe zählen zu positiven Versorgungseffekten.
Können diese Anforderungen und Versorgungseffekte in Form einer Studie (häufig RCT-Studien) nachgewiesen werden, wird eine DiGA vorläufig in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen und geht in eine 12-monatige Erprobungsphase. Anschließend erfolgt die dauerhafte Aufnahme oder Ablehnung bzw. Streichung aus dem Verzeichnis.
Seit Ende des Jahres 2020 können Leistungserbringer DiGAs auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherungen verordnen. Über 1,6 Millionen Verschreibungen gab es bisher, wobei etwa 80 % dieser eingelöst werden. Die meisten DiGAs gibt es im Bereich Psyche bzw. mentale Gesundheit, gefolgt von Apps zur Behandlung der Muskeln, Knochen und Gewebe.
Adipositas im Fokus mit Oviva Direkt
Das Projekt „PRESCRIBE-OB" in dessen Name der Workshop stattfand, beschäftigt sich mit der Frage, wie DiGAs dazu beitragen können, die Behandlung von Adipositas zu verbessern und dadurch Kosten im Gesundheitssystem zu senken. In diesem Zusammenhang wurde die DiGA „Oviva Direkt" betrachtet und seitens der Hersteller vorgestellt. Ein Kurzvortrag der Hochschule Fulda ergänzte die wissenschaftliche Perspektive durch einige zentrale Studienergebnisse rund um die Nutzung von DiGAs bei Adipositas.
Oviva Direkt ist die am häufigsten verschriebene DiGA in Deutschland. Die Inhalte sind an den klassischen Bausteinen einer Adipositas-Therapie ausgerichtet, die an den Punkten Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung ansetzt. In der App werden diese Punkte durch Lernen, Monitoring, Selbstmanagement und Feedback abgebildet. Patienten können Mahlzeiten per Foto dokumentieren, ihr Gewicht festhalten, Aktivitäten und Symptome tracken. Per Chat- und Anruffunktion treten sie mit Ernährungsberatern in Kontakt, um Feedback zur erhalten. Die Bereiche Selbstmanagement und Lernen setzen Wochenziele, beinhalten Lerninhalte in Form von Videos, Podcasts Quizzen oder auch Rezepten und sind durch Gamification-Elemente motivierend gestaltet.
Aktuelle Studien und Zahlen rund um die App-Nutzung zeigen folgende Ergebnisse:
- 500.000 Patienten in Deutschland nutzen die App
- In einer Real-World-Studie mit 25.000 Patienten konnte ein Gewichtsverlust von 6,5 % erzielt werden
- Ein Drittel der Patienten erhält eine zweite Verschreibung von Oviva, um nach 90 Tagen die App weiterhin zu nutzen
Studiendaten | Oviva AG
Erfolgsfaktoren und Hindernisse bei der DiGA-Nutzung
Eine Gruppenaufgabe im Anschluss an die Vorträge diskutierte anhand verschiedener Personas welche Erfolgsfaktoren und Hindernisse bei der DiGA-Nutzung zu beachten sind. Daraus wurden mehrere Prinzipien definiert, die aus Sicht der Teilnehmenden für die Einführung von DiGAs in anderen Ländern hilfreich sein könnten.
Als zentraler Erfolgsfaktor wurde die kostenlose Nutzung von DiGAs durch Patienten genannt. Auch die hohe Flexibilität, die App nach den persönlichen Möglichkeiten in den Alltag zu integrieren wurde als positiv erachtet. Hindernisse stellten unter anderem technische Schwierigkeiten bzw. Usability dar, ebenso wie die Tatsache, dass DiGAs nicht immer die persönlichen Gegebenheiten (Familie, Vordiagnosen, Arbeitsleben, etc.) eines Patienten berücksichtigen. Darauf aufbauend konnten mehrere Prinzipien für eine erfolgreiche Übertragung identifiziert werden:
- DiGAs benötigen Personalisierung und eine Berücksichtigung des persönlichen Umfelds
- Hersteller sollten klare Design- und Usability-Richtlinien erhalten
- Die Möglichkeit mehrere Krankheitsbilder in einer DiGA zu bedienen wäre vorteilhaft
Interesse auch aus anderen Ländern gegeben
Mit diesen und vielen weiteren Erkenntnissen im Gepäck reisen die Wissenschaftler aus Australien nun zurück nach Melbourne. Im Rahmen des Projektes werden die Ergebnisse aufbereitet und weiterverarbeitet. Die Offenheit für DiGAs in Australien ist vorhanden, das System für die Einführung fehlt. Auch aus anderen Ländern wie Dänemark, USA, Brasilien und Frankreich besteht laut BfArM großes Interesse an der Einführung von DiGAs. Besonders Frankreich und Deutschland vertiefen ihre Zusammenarbeit in diesem Bereich bereits. Es wäre somit möglich, dass wir ähnliche Neuigkeiten in einigen Jahren auch aus Australien erhalten.
Wir bedanken uns herzlich bei der Universität Bayreuth für die Möglichkeit am Workshop teilzunehmen und nehmen viele spannende Erkenntnisse für unsere Arbeit am ZTM mit.